Daimler und Benz Stiftung

Kommissar Wuschel ermittelt

Ladenburger Kolleg: Sprachstandsermittlung bei Kindern mit Migrationshintergrund

 

"Kommissar Wuschel ermittelt" ist ein digitales und spielerisch gestaltetes Konzept zur Sprachstandsermittlung bei Vorschulkindern mit Deutsch als Erst- und Zweitsprache. Mit einer kindgerechten App (iPad) sollen vier- bis fünfjährige Kinder dazu ermutigt werden, in authentischen und für sie relevanten Situationen zu sprechen. Die Testaufgaben sind dabei in eine motivierende und fantasievolle Geschichte integriert. Die Hauptfigur des Spiels, Kommissar Wuschel, ist bei der Suche nach verlorenen Gegenständen auf die Hilfe der Kinder angewiesen. So müssen die Kinder zum Beispiel Wuschel den Weg beschreiben oder ihm situationsspezifische Handlungsanweisungen erteilen. Ein Testleiter steuert mit Hilfe einer zweiten und per Bluetooth kommunizierenden App (iPhone) die verschiedenen Schritte des Spielgeschehens. Die Äußerungen der Kinder werden über das iPad aufgezeichnet und nach der Testung anonymisiert an ein Back-End gesendet. Dort stehen die Aufnahmen dann dem Forscherteam für eine Analyse entsprechender sprachlicher Merkmale zur Verfügung. So wird eine Einschätzung der Sprachentwicklung eines Kindes erfolgen, auf deren Grundlage über die Notwendigkeit zusätzlicher Fördermaßnahmen entschieden werden kann.

Ute PeschProjektmanagerin

Ute, wie muss man sich den Ablauf einer App Entwicklung vorstellen, die explizit für Studien zur Evaluierung von Deutschkenntnissen bei Vorschulkindern mit Migrationshintergund entwickelt wird?

Uns lag ein ausführliches Skript der kindgerechten Geschichte "Kommissar Wuschel ermittelt" vor, anhand dessen wir die Handlungen um den Drachenkampf seitens Wuschel, Rita und dem frechen Willi umsetzen mussten. Meine Aufgabe hierbei war es, dem externen Grafiker die Wünsche des Kunden zu vermitteln, so dass entsprechende Entwürfe für die Charaktere und Hintergründe wie Wald, See und Innenräume erstellt werden konnten. Natürlich waren hier auch einige Korrekturläufe nötig, bis Wuschel, Rita, Willi und der böse Drache ihr jetziges Erscheinungsbild erhielten. Parallel habe ich die Abstimmung zwischen dem Grafiker und unserem Entwicklungsteam koordiniert. Eine enorme Herausforderung für alle Beteiligten war die richtige Umsetzung jedes kleinsten grafischen und technischen Details sowie die Integration der Audiodateien für diese App. Nur so kann eine korrekte Interaktion zwischen Wuschel und Kind stattfinden. All dies ist Voraussetzung dafür, dass die Auswertung der später durchgeführten Studie in den Kindergärten unter den richtigen Kriterien durchgeführt werden kann.

Roman, Du standest als externer Mitarbeiter für einen längeren Zeitraum in engem Kontakt mit dem NEXT Munich Team und hast dabei von Hamburg aus gearbeitet. War dies für die genauen Detailabstimmungen ein Problem?

Anfangs dachte ich schon, dass es notwendig sein wird nach München zu reisen. Aber durch die guten Skriptvorlagen, das Briefing und die souveräne Projektkoordinierung war dies dann doch nicht notwendig. Wir standen in täglichem Kontakt und konnten alle grafischen Abstimmungen sehr gut über die diversen modernen Kommunikatonsmöglichkeiten regeln.

Roman Fuhrer
www.onemanonmars.com

Ammar HadžićDeveloper

Ammar, Du hast unter anderem an der Kommunikation der iPad App und der iPhone App (Testleiter App) gearbeitet. Wie bedeutend ist das Zusammenspiel dieser beiden Apps?

Die iPad App wird via Bluetooth von der iPhone App (Testleiter App) gesteuert. Der Testleiter kann per Button entscheiden, wann eine weitere Hilfestellung seitens Wuschel dem Kind auf der iPad App gegeben wird. Wichtig an dieser Stelle ist, dass dies innerhalb einer bestimmten Zeitvorgabe geschieht, die auf der iPhone App / Testleiter App abzulesen ist. Wir mussten hierbei sicher stellen, dass diese Zeiten bei jeder Testung immer gleich sind, so dass jedes Kind unter gleichen Bedingungen getestet wird.

Midori GöbbelSenior QA Manager

Midori, wie wird eigentlich eine App getestet, die einerseits für Kinder leicht verständlich sein muss, andererseits aber auch die Grundlage zur wissenschaftlichen Ausarbeitung von Testergebnissen bildet?

Der Teil, sicherzustellen, dass die App auch von Kindern verstanden und genutzt werden kann, die ggfls. mit kurzer Kontaktzeit zum Deutschen und wenig Erfahrung mit mobilen Apps haben, macht zwar mehr Spaß ist aber dennoch eine Herausforderung. Man muss die App quasi durch den Blick eines Kindes betrachten und sicherstellen, dass es an keiner Stelle zu Missverständnissen kommt, dass die Funktionalität der App verständlich ist und es dem Kind natürlich auch Spaß macht sie zu benutzen. Hier hat mir die Erfahrung geholfen, die ich bei anderen explizit auf Kinder ausgerichteten Projekten bereits sammeln konnte, wie etwa unsere beiden "Der Kleine Drache Kokosnuss" Apps, deren Zielgruppe ebenfalls Vorschulkinder sind, die noch nicht lesen und schreiben können.
Der zweite Teil, also das Sicherstellen, dass die von der App gesammelten Daten auch eine valide Grundlage zur Auswertung des Testergebnisses bilden, sie also nachvollziehbar, vergleichbar und unverfälscht sind, war sehr komplex. Der gesamte Ablauf des Kenntnisstands-Tests in der App musste dazu viele Male von vorne bis hinten, bewaffnet mit Stoppuhr und Videokamera durchlaufen werden. Anschließend wurden die erfassten Videos frame- und pixelgenau am Computer ausgewertet. Dadurch, dass die App ja von Kindern benutzt werden soll, besitzt sie nämlich kein User Interface im klassischen Sinne, in der man solche Daten einfach hätte anzeigen lassen können.

Carsten, DigtialSpital hat das Back-End für die notwendigen Daten rund um die Testung entwickelt. Was musste bezüglich des Datenschutzes und der Datensicherheit beachtet werden?

Tatsächlich sind der Datenschutz und die Datensicherheit ein zentrales Thema bei der Entwicklung des Back-Ends gewesen. Da es sich um hochsensible Daten handelt, wurde gemeinsam mit dem Datenschutzbeauftragten der LMU München entschieden, dass die in der Datenbank gespeicherten Daten keinen Personenbezug erlauben. So werden z.B. keinerlei Namen gespeichert und stattdessen kryptografisch sichere Pseudonyme verwendet. Die Zuordnung zu einem Kind ist lediglich durch die Eltern und die KiTa möglich, denen das Pseudonym jeweils in Form eines QR-Codes physisch vorliegt.

Carsten D. Decker
Technische Leitung
DigitalSpital GmbH

Frau Weidinger, können Sie uns das Projekt "Sprachstandsermittlung bei Kindern mit Migrationshintergrund“ ganz kurz erläutern und wurden Ihre Erwartungen mit dieser App erfüllt?

Fast ein Drittel der Kinder, die derzeit in Deutschland eingeschult werden, hat einen Migrationshintergrund. Zwar haben diese Kinder häufig noch Defizite in der Zielsprache Deutsch, gleichzeitig aber auch ein großes Potential, Kommunikationssituationen zu bewältigen. In der Einschätzung sprachlicher Kompetenzen von Kindern vor dem Schuleintritt kommt es durch die Anwendung traditioneller Sprachstandsermittlungsverfahren nicht selten zu Fehldiagnosen und ferner zu nicht wirksamen Fördermaßnahmen.

Das Ladenburger Kolleg „Sprachstandsermittlung bei Kindern mit Migrationshintergrund“ hat sich zum Ziel gesetzt, mit „Kommissar Wuschel ermittelt“ ein neuartiges und interaktives Verfahren zur Erfassung kommunikativer Kompetenzen von Vorschulkindern zu entwickeln und zu erproben. Dieses Förderprojekt der Daimler und Benz Stiftung wird von den Universitäten LMU München, des Saarlandes, Heidelberg, Mannheim und Basel, dem TestDaF Institut, dem Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung, der Hochschule der Medien Stuttgart sowie dem Max-Planck-Institut für Psycholinguistik als Konsortium unter der Leitung des Instituts für Deutsch als Fremdsprache der LMU München durchgeführt.

Der Einsatz von Apps im Bereich Deutsch als Zweit- und Fremdsprache beschränkte sich bislang auf das Lernen von Sprachen. Mit „Kommissar Wuschel ermittelt“ haben Apps nun erstmalig auch Einzug in die Sprachstandsermittlung erhalten. Da es sich vor Entwicklungsbeginn damit um völliges Neuland bei allen beteiligten Personen aus Forschung und IT handelte und eine Orientierung an bestehenden Verfahren nicht möglich war, mussten mehrere aufwendige Schritte hinsichtlich der technischen und grafischen Gestaltung der interaktiven Spielumgebung eingeleitet werden. Eine große Herausforderung stellte insbesondere die Koordination der verschiedenen Entwicklungs- und Iterationsprozesse dar. Nicht zuletzt erwies sich die Sicherstellung sowohl messmethodischer Anforderungen als auch datenschutzrechtlicher Bestimmungen als komplexe interdisziplinäre Aufgabenstellung. Der Mut, Neuland zu betreten, hat sich gelohnt. Das zeigen die Reaktionen der Vorschulkinder, die „Kommissar Wuschel ermittelt“ mit Begeisterung aufgenommen haben.

Dr. Nicole Weidinger
Projektkoordinatorin
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Deutsch als Fremdsprache

Dieses Projekt wird gefördert durch die Daimler und Benz Stiftung.